Leseprobe

Aus "Münchner S-Bahn-Katastrophen"

Personenunfall

Blut, so viel Blut!

Das Wasser strömt vom Himmel. Ich steuere die letzte S-Bahn von München nach Herrsching am Ammersee. Die Uhr hat Mitternacht längst überschritten.

Ich bin müde, der Regen und die Dunkelheit machen mich melancholisch. Ich denke an einen Streit mit meinem Mann, der zu normalen Zeiten arbeitet und den ich deshalb kaum noch sehe.

Die Scheibenwischerblätter tun sich schwer mit den Wassermassen und hinterlassen nur Streifen auf der Scheibe, die die Sicht in die Nacht erschweren. Ich will draußen nichts mehr erkennen.

Ich erreiche Neugilching. Noch siebzehn Minuten bis zur Endstation. Schnell wieder weg. Kurz hinter der Station ist es wieder stockdunkel, und ich bin noch geblendet.

Plötzlich scheppert es leicht unter den Rädern. Ich schrecke hoch und lausche nach draußen, das Fenster ist leicht geöffnet. Mir kommt ein ICE-Attentat in den Sinn, bei dem jemand Stahlplatten auf die Gleise gelegt hatte. Ich bin zu träge, anzuhalten, da ich doch deutlich wahrnehme, dass das Fahrzeug nicht entgleist ist und noch rundläuft. Doch es arbeitet in meinem Kopf. Einige Kilometer weiter kommt mir ein Bauzug entgegen. Ich rufe schnell den Fahrdienstleiter an, berichte von dem Vorfall und bitte darum, die Leute vom Bauzug nachsehen zu lassen. An der nächsten Station steige ich an der vom Bahnsteig abgewandten Seite ins Gleisbett ab und betrachte die Fahrgestelle. Nichts zu sehen, nur so ein seltsamer süßlicher Geruch liegt in der Luft.

Ich setze die Fahrt fort. Die Nachricht erreicht mich erst am Endbahnhof: Ich hätte einen Mann mit Fahrrad überfahren und müsse nun auf das Notfallteam warten. Als ich keine Anstalten mache, den Zug abzustellen, sprechen Bahnpolizisten mich an. Ich erkläre, ich solle jemanden überfahren haben, könne es aber nicht glauben; da schicken sich die Polizisten an, um den Zug zu gehen und nachzuschauen. Ich schließe mich an, das will ich jetzt wissen. Die Polizisten zeigen mir, dass die Reste am zweiten Fahrgestell kleben, und erklären, der süßliche Geruch komme von den zerstörten menschlichen Überresten, der sei typisch.

Ich werde abgeholt und nach Hause aufs Land gefahren. Ich habe drei ganze Tage über das Wochenende frei und will mich deshalb nicht krankmelden, ich habe ja nichts gesehen. Ich will nichts wissen vom Tod.

 

In der folgenden Nacht hatte ich einen Traum: Ich half dabei, die Überreste des Toten zu entfernen. Ein riesiger Blutfleck tränkte den Bahnschotter. Alle schaufelten wie besessen, um das blutige Gestein zu entfernen, doch es wurde immer mehr. Wir schafften es nicht. Ich erwachte schweißgebadet.

Während der nächsten Tage verdrängte ich den Vorfall, am Sonntag ging es mir wieder besser. Grübeln hilft nicht! Am Montag sollte ich um dreizehn Uhr wieder anfangen.

Doch am Morgen rief man mich an, ich müsse vor Dienstbeginn noch zum Bahnarzt, um meine Fahrtauglichkeit feststellen zu lassen. Also Hektik.

„Wie geht es Ihnen?“, wollte die Ärztin wissen.

„Ganz gut. Ich habe schon so viel Mist erlebt, was interessiert mich da so ein Depp, der übers Gleis rennen muss?“ Das war die falsche Antwort. Die Ärztin empfahl mir ein Gespräch mit der Betriebspsychologin. Die hatte aber erst in zwei Wochen einen Termin frei. Ich war frustriert.

Ich ging solange arbeiten, auf die Unfallstrecke kam ich vorerst nicht.

Kaum fuhr ich wieder, rief man mich an, ich müsse noch zur Unfallermittlung, ein Protokoll aufnehmen lassen. Die Bereitschaft nahm mir dafür eine Runde ab. Der Sachbearbeiter erzählte mir, dass es ein Betrunkener gewesen war, der sich, von der Kneipe kommend, verlaufen hatte und über das Gleis abkürzen wollte. Seine Frau gab der Polizei den Hinweis auf seine Saufkumpane. Doch es interessierte mich nicht, für mich war er nur ein Idiot.

Als der Termin bei der Psychologin anstand, musste ich arbeiten. Ich teilte zu Dienstbeginn mit, dass ich am Nachmittag einen dienstlichen Termin hätte und früher gehen müsse. Man sagte mir, das gehe in Ordnung. Doch kurz bevor ich die letzte Runde vor dem Termin beenden konnte, um dann gehen zu können, brach wieder einmal Chaos aus. Die Strecke vor mir wurde gesperrt, und ich musste wenden, und ich kam nicht von meinem Zug runter. Ich sagte den Termin dann ganz ab, es gehe mir wieder gut.

Noch eine Woche später fuhr ich das erste Mal wieder nach Herrsching. Es war Tag und klar. Nach Neugilching näherte ich mich zögerlich jener Stelle. Ich starrte gebannt auf das Gleis – und dort prangte ein riesiger Blutfleck, und sogar ein Stück Knochen lag obenauf!

Mein Kopf schwoll an, während der Zug darüber hinwegbretterte. Das darf doch nicht wahr sein! Haben die das Blut tatsächlich nicht wegbekommen? 

Nur mit Mühe vollendete ich meine Runde zurück zum Ostbahnhof. Dort schlich ich zu meinem Chef, berichtete und beharrte darauf, dass ich da nicht noch mal drüberfahren könne, was ich nach Arbeitsauftrag hätte machen müssen. Er erklärte, dort sei am Abend zuvor ein Reh überfahren worden. Und da wurde hinterher nicht sauber gemacht! Meine Tränen begannen zu fließen und hörten nicht mehr auf. Mein Chef bot mir einen Kaffee an und wollte mich damit beruhigen, doch es wurde immer schlimmer. Man rief das Kriseninterventionsteam, das mich unter großer Mühe wieder beruhigte; es sei der Kaffee gewesen, der meinen Zustand nur verschlimmert hätte. Ich fuhr nach Hause.

Nun ging ich zu einem Arzt, um mich krankschreiben zu lassen. Ich fand einen sogenannten speziellen „Durchgangsarzt“, der bei Dienstunfällen aufgesucht werden musste, in der Klinik der nahen Kleinstadt. Als ich ihm mein Problem erklärte, schaute er mich schief an. „Und jetzt wollen Sie zu Hause bleiben!“ Der Arzt machte auf dem Absatz kehrt. Er hatte kein Verständnis, und ich fühlte mich wie ein Schmarotzer. Die Krankmeldung stellte er bis zum Freitag der darauffolgenden Woche aus. Ich protestierte, sie müsse wenigstens bis Sonntag gehen, sonst müsse ich am Wochenende arbeiten, ich sei schließlich Triebfahrzeugführerin.

Ich ging nun auch zu einer Psychologin der Universität, die spontan Termine frei hatte, dreimal, dann fühlte ich mich leer und ausgepumpt.

 

Ich musste noch mal einen Eignungstest machen, wie vor der Einstellung, dann durfte ich wieder fahren.

Beim nächsten Mal werde ich mich gleich krankschreiben lassen und psychologische Hilfe in Anspruch nehmen.